Historie


Noble Tradition

Text: R.J. Zethoven. alt Vorstandsmitglied F.P.S.

Im Norden der Niederlande liegt Friesland, mit den vielen Seen bestimmt die wasserreichste, vielleicht eine der schönsten, aber auf jeden Fall die eigensinnigste Provinz der Niederlande. Dieses Buch mit den vielen wunderschönen Aufnahmen zeigt vor allem dieses außergewöhnliche Stück der Niederlande und die eigensinnigen Bewohner, obwohl es weder Abbildungen von Kirchen und Gebäuden, noch Bilder von Menschen enthält.

 
Friesland

Wie bereits gesagt, ist Friesland zweifellos die eigensinnigste Provinz der Niederlande, in dem Sinne, daß es den Friesen durch die Jahrhunderte hindurch gelungen ist, wider die Einflüsse der "Moderne" viele Traditionen zu wahren. Friesen sind stolz und haben ein großes Selbstgefühl. Aber ein Friese ist auch genügsam und gewohnt, in schwierigen Verhältnissen zu überleben.

Die Geschichte Frieslands haben zwei Feinde ganz unterschiedlicher Art in bedeutendem Maße bestimmt: das Meerwasser und die Grafen von Holland, die manchmal versucht haben, das friesische Gebiet ihren Besitztümern hinzuzufügen. Beiden hat der Friese sich nie gefügt.
Bereits geraume Zeit vor der Zeitwende bewohnten die Friesen, die ethnologisch dem Stamm der Westgermanen angehörten, das Gebiet, das heute die Provinz Friesland heißt und als solche Teil des Königreichs der Niederlande ist. Im Norden und im Westen grenzte ihr Gebiet an das Meer. Da das Land damals noch keine schweren Deiche hatte, die es, wie heute, vor dem Wasser schützen könnten, wurde bei Sturmflut der westliche Teil Frieslands größtenteils vom Meerwasser überschwemmt. Die höheren südöstlichen Teile, reich bewaldete Sandböden, wurden in der Regel nicht überschwemmt. In diesen Gebieten lebten allerdings, vor allem im Süden und im Osten, überwiegend sächsische Stämme. Der Friese war also vor allem der Bewohner des vorwiegend flachen Gezeitengebietes, das die Grillen der Natur in bedeutendem Maße beeinflußten.

Die Friesen galten von Anfang an als große, kräftige Menschen mit blonden Haaren und blauen Augen. Sie waren ein Seefahrer-, Handels-, Bauern- und Pferdezüchtervolk...
Ihre Siedlungen bauten sie vorzugsweise auf sogenannten Warften. Das waren künstliche und aufgrund jahrhundertelanger Bewohnung schichtweise erhöhte Stellen, die bei Sturmflut regelmäßig ganz vom Meer umspült wurden.
Im Laufe der Jahrhunderte gelang es ihnen immer besser, den launischen Einfluß des Meeres zu kontrollieren, indem sie Deiche bauten und wilde Flüsse zu Kanälen bezwangen. So entstand das heutige Gebiet der Friesen: Ein vorwiegend flaches, grünes Wiesenland, das im Norden und im Westen an das Meer grenzt und von vielem Wasser in Form großer Seen und Kanäle durchschitten ist. Schwere Deiche schützen das niedrige Land vor der Unzuverlässigkeit des Meeres. Vereinzelt liegt ein Dorf oder eine liebliche Stadt, in deren Mitte, oft an einer hohen Stelle, immer die Kirche mit dem charakteristischen Satteldachturm steht. Im Sommer grasen überall in den grünen Wiesen die schwarzweißen friesischen Kühe, und vor allen Dingen viele schöne, pechschwarze Friesenpferde....

Der friesische Volkscharakter

So läßt sich der Charakter der Friesen aus der Geschichte ihres Landes erklären: Der Friese ist von den Elementen abgehärtet, stolz, "ohne Umschweife", und manchmal ein wenig unbeugsam. Aufgrund ihrer Schweigsamkeit wirken die Bewohner Frieslands manchmal spröde und störrisch, aber das ist nur auf die Tatsache zurückzuführen, daß Friesen das Herz nicht gerne auf der Zunge haben. Friesen lieben eine "normale" Verhaltensweise und mögen es nicht, zu übertreiben. Dies überlassen sie lieber den ihres Erachtens redseligen Bewohnern des Westens der Niederlande...
Umgekehrt hatte dieser "zivilisiertere" Westen der Niederlande im allgemeinen kaum einen Blick für die Sonderwerte des friesischen Volkes und sah Friesland oft als ein zurückgebliebenes Gebiet mit barschen und unverständlichen Bauern.

Friesen sind mit Recht stolz auf das friesische Erbe, das sich aus einer ganzen Menge kultureller und traditioneller Werte zusammensetzt. Der Friese hat auch ein sehr großes Ehrgefühl. Das zeigt er namentlich im sportlichen Bereich. Nichts ist schöner als der Sieg, nach einem harten, aber fairen Kampf errungen. Und ob es sich nun um einen Sieg in der Schaufahrrubrik für Friesenpferde oder um den Erwerb des "Königstitels" beim Kaatsen handelt, immer folgen orangefarbene und rot-weiß-blaue Bänder, der Lorbeerkranz und selbstverständlich zum Schluß die unvergleichlich schöne friesische Hymne.
Der Friese ist auch hart für sich, er hat Ausdauer...
Das zeigt zum Beispiel die berühmte Elfstädtetour, eine lange Schlittschuhtour über mehr als 200 Kilometer, deren Teilnehmer alle friesischen Städte besuchen. Wenn die Winter sehr streng sind, und das ist in Friesland durchaus möglich, und das Eis etwa 20 Zentimeter stark ist, nehmen etwa 10.000 Friesen an dieser schweren Schlittschuhtour teil.

Daß die Friesen auch vor langer Zeit bereits sehr störrisch an eigenen Normen und Werten festhielten, zeigt die Geschichte der mißlungenen Christianisierung Frieslands durch angelsächsische Mönche:
Im Jahre 754 ermordeten Friesen den frommen Sankt Bonifatius in Dokkum, angeblich indem sie ihm die eigene Bibel an den Kopf schlugen....

Zuchttalent

Ein Talent kann man den Friesen bestimmt nicht absprechen: Sie sind absolute Meister in der Zucht von Rassen. So hat Friesland zwei eigene Hunderassen: die "Stabij" und die "Wetterhoun". Aber auch die friesische Schafrasse ist bekannt: das friesische Milchschaf. Weltberühmt ist das schwarzweiße, bunte friesische Milchvieh als Spitzenlieferant von Milch.
Aber das eindrucksvollste und imponierendste Ergebnis dieses Zuchttalents ist zweifellos das Friesenpferd.

Die Geschichte der Zucht des Friesenpferdes ist eine atemraubende Geschichte für sich und läßt sich nur vor dem Hintergrund des eigensinnigen Volkscharakters der Friesen selbst richtig verstehen. Die Friesen blieben auch in den schwierigsten Zeiten ihrer Rasse treu, während anderswo viele Rassen aufgrund unüberlegter Kreuzungen mit fremdem Blut verloren-gingen.
Sogar in 20. Jahr hundert wurde das Friesenpferd zweimal scheinbar unabwendbar vom Untergang bedroht. Beide Male war es aber der störrischen Eigensinnigkeit und der Ausdauer einiger Friesen zu verdanken, daß dieses wertvolle Erbe aus früheren Jahrhunderten unversehrt für uns erhalten ist.

Wie der Schlittschuhläufer, der an der Elfstädtetour teilnimmt, sich zunächst abrackern und durchhalten muß, bevor er schließlich die Genugtuung genießen kann, das Ziel in Leeuwarden zu erreichen, so kann der Königliche Verband "Das Friesische Pferdestammbuch" mit großer Genugtuung zuschauen, wie die Zucht des Friesenpferdes nach vielen Jahren großer Rückschläge und mühsamer Durchhaltung der Jahrhundertwende zustrebt, denn zu diesem Zeitpunkt wird das Friesenpferd weltweit gezüchtet! Einen besseren Anfang des dritten Millenniums kann man sich nicht wünschen!

Geschichte des Friesenpferdes

Obwohl die friesische Pferderasse sehr alt ist und in den Niederlanden als die einzige einheimische Rasse zu betrachten ist, die überlebt hat, betrifft es hier heute also zum Glück nicht mehr eine fast aussterbende Rasse mit einer beängstigend kleinen Population, die aufgrund der Anstrengungen einiger "Liebhaber" mühsam erhalten wird. Im 20. Jahrhundert war das allerdings durchaus zweimal der Fall...

In diesem Buch mit dem Namen "Noble Tradition" darf ein Rückblick auf die imponierende Geschichte des Friesenpferdes nicht fehlen, aber er kann zugleich nur fragmentarisch sein.
Am Anfang unserer Zeitrechnung war das Friesenpferd bereits ein beliebtes Pferd für den Kriegsdienst.
Um 150 nach Christi Geburt erwähnen römische Historiker bereits berittene friesische Truppen in Britannien bei der Mauer von Hadrianus an der Grenze zwischen Schottland und England.
Der bekannte englische Autor Anthony Dent beschreibt die Anwesenheit unabhängiger friesischer Truppen bei Carlisle im 4. Jahrhundert nach Christi Geburt. Sie hatten eigene Pferde und waren nicht als ordentliche Truppen eingetragen. Sehr wahrscheinlich betraf es hier in beiden Fällen friesische Söldner mit Friesenhengsten.
Dieser Anthony Dent und auch andere Autoren erwähnen Friesenpferde als Grundstein für "the Old English Black", den Vorfahren der bekannten englischen Shire Pferderasse sowie des Fellponys, das auch heute noch eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Friesenpferd aufweist.
Wilhelm der Eroberer benutzte bei der Schlacht bei Hastings am 14. Oktober 1066 Pferde, die große Parallelen mit Friesenhengsten aufwiesen. Die zahlreichen Abbildungen von Rittern und Adligen auf dem Turnierplatz zeigen Pferde, die auch damals bereits Friesenpferde genannt wurden.
Es ist durchaus plausibel, daß das Friesenpferd, wie sonstige Vertreter des westeuropäischen Pferdes, während der Kreuzzüge und später im Achtzigjährigen Krieg von Arabern und andalusischen Hengsten beeinflußt worden ist. Das mehr oder weniger hohle Nasenbein, der Schwanenhals und der Trab lassen solches auf jeden Fall vermuten...

Den ersten schriftlichen Beweis, daß der Name Friesenpferd benutzt wurde, enthält eine Mitteilung, daß der deutsche Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen im Jahre 1544 auf einem Friesenhengst zum Reichstag in Spiers kam.
Auch in der Schlacht bei Muhlberg, drei Jahre später, ritt Johann Friedrich diesen Hengst. Dabei lenkte er offenbar die Aufmerksamkeit auf sich, denn Kaiser Karl V. erkannte ihn bereits in großer Entfernung am Pferd.
Sehr bekannt ist die Radierung aus dem Jahre 1568 des Hengstes Phryso von Don Juan von Österreich in Neapel.
Im 17. Jahrhundert findet man die Friesenpferde, neben zum Beispiel spanischen Pferderassen, in den Reitschulen zurück, in denen man sich der Hohen Schule der Reitkunst widmete.
Auch damals schon war das Friesenpferd nicht nur ein beliebtes Pferd für die Hohe Schule, sondern auch ein beliebtes Wagenpferd ("carossier").
Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts beschränkt die Benutzung des Friesenpferdes sich mehr und mehr auf den Teil der Niederlande, den wir heute als die Provinz Friesland kennen. Der Verfall des Adels im Europa nach der Französischen Revolution war zweifellos einer der wichtigsten Gründe.

Auf dem friesischen Land war das Friesenpferd am Ende des 19. Jahrhunderts vor allen Dingen ein Pferd der reicheren Bauern mit eigenem Hof, die als Äußerung und Bestätigung ihrer Wohlhabenheit sonntags mit der Chaisse und einem Zweigespann Friesenpferden davor zur Kirche fuhren. Daneben wurde das Pferd zu Unterhaltungszwecken benutzt, zum Beispiel bei Kurzbahntrabrennen, solches ohne Sattel, denn traditionsgemäß wurde das Pferd dabei mit einer kleinen orangefarbenen Decke als Sattel auf dem Rücken geritten.
In dieser Zeit kannte das Friesenpferd einige berühmte Traber, und es steht nahezu fest, daß das Friesenpferd damals bei der Zucht des russischen Orlovtrabers sowie der damals stark aufkommenden Zucht der amerikanischen Traber eingesetzt worden ist.
Danach, am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts, folgte eine sehr schwierige Zeit für das Friesenpferd. Es war die Zeit, in der das Friesenpferd mit schweren Pferderassen vom Groninger-Oldenburger Schlag, den sogenannten Oberländern, zu konkurrieren hatte. Diese Konkurrenz ging für das Friesenpferd fast verhängnisvoll aus...
Neben gelegentlicher Erholung in Form einer Fahrt vor der Chaisse und des Ringreitens am Sonntag gab es vor allem viel und schwere Arbeit auf dem Hof, und eigentlich eignete sich dieses Pferd mit dem Blut eines "adligen Junkers mit Talent zum Tanzen" dafür nicht.... Viele Bauern stiegen schließlich auf die namentlich zur Ausführung schwerer Arbeit gezüchteten Oberländer um oder kreuzten ihre Friesenpferde mit schwereren Rassen. Das führte fast zum Untergang der friesischen Rasse.

Am 1. Mai 1879 wurde deshalb in Lokal "De Drie Romers" in Roordahuizum das Friesische Pferdestammbuch errichtet, und zwar von Menschen, denen die Zukunft der alten Rasse große Sorgen bereitete. Dieses Pferdestammbuch war das erste Pferdestammbuch der Niederlande.
Schon bald zeigte sich, daß die Eintragung der Friesenpferde, die es noch gab, in Stammregister eine stimulierende Wirkung auf die Zucht des Friesenpferdes hatte. Aber die wachsende Popularität der Oberländer war weiterhin ein großes Problem für das Friesenpferd, dessen Anzahl am Anfang des 20. Jahrhunderts wieder schnell zurückging.
Im Jahre 1913 standen der Zucht nur noch 3 ältere Stammbuchhengste zur Verfügung, während man keine Aussicht auf Ergänzung um junge Hengste hatte. Das Friesenpferd war also fast ausgestorben....

Etwa hundert Friesen steckten im "Oranjehotel" in Leeuwarden die Köpfe zusammen und gründeten neben dem Stammbuch einen Verband, der das Friesenpferd vor dem scheinbar unabwendbaren Untergang behüten sollte. Indem die noch anwesenden Vollbluthengstfohlen mit ausreichender Qualität auf vernünftige und sachkundige Weise erworben und gezüchtet wurden, wurde versucht, die Zucht neu zu beleben. Und sie waren erfolgreich: Dem Friesenpferd wurde ein gewisser Untergang erspart.

Das Friesenpferd hat neben einem wunderschönen Exterieur einen Charakter, den Freundlichkeit, Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und eine riesige Bereitschaft, für den Menschen zu arbeiten, kennzeichnen. Vor allem aufgrund dieses Charakters hat es in der Vergangenheit immer Menschen gegeben, die bereit waren, für dieses Pferd durchs Feuer zu gehen.
Menschen, die die Oberländer bevorzugten, waren oft unverhältnismäßig hart im Urteil über das Friesenpferd: Dieses Pferd tanze zuviel vor dem Pflug, und dadurch gehe Energie verloren. Im Grunde hatten sie schon ein wenig recht, aber sie waren nicht über die Geschichte des Friesenpferdes und diese tiefe, tiefe gegenseitige Zuneigung zwischen Mensch und Pferd informiert, die bei den Friesen so oft besteht...

Nach dem Tiefpunkt des Jahres 1913 gab es nur eine Möglichkeit, zu überleben: Das Friesenpferd sollte in der Lage sein, mit dem Oberländer zu konkurrieren. Aus diesem Grund wurde Luxus gegen Kraft eingetauscht, was zu einem etwas kleineren und schwereren Typ Friesenpferd führte. Auf diese Weise entstand also ein Typ, den wir heute nicht mehr gerne sehen, denn heute verlangen wir Luxus und eine lange Linie.
Damals galten allerdings andere Gesetze. Es war eine bitter notwendige Anpassung an die Anforderungen der damaligen Zeit. Zum Glück waren Merkmale wie Adel und Luxus ausreichend tief in der Genetik dieser alten Rasse verwurzelt, denn sie sollten später, in der heutigen und viel glücklicheren Phase ihrer Geschichte, noch eine entscheidende Rolle spielen. Aber soweit war es noch nicht...
Zunächst sollte das Friesenpferd noch einmal mit knapper Not davonkommen...

In den Sechziger Jahren folgte eine Krise in der Zucht, deren Hintergründe viel unumkehrbarer und unabwendbarer waren, als die Hintergründe der Krise des Jahres 1913. Damals handelte es sich um eine Konkurrenz zwischen Pferderassen auf Regionalebene, aber jetzt handelte es sich um die weltweite Abschaffung des Pferdes als Kraftquelle im Agrarbetrieb!
Aufgrund des unerwartet hohen Tempos der Mechanisierung des Agrarbetriebs waren bereits sehr bald alle Pferde im Betrieb "überzählig". Den meisten Bauern fehlten das Geld und die Zeit, die Pferde nur vergnügenshalber zu behalten. Diese Entwicklung war nicht aufzuhalten, aber es gab auch viel Kummer: Es dauerte oft noch viele Jahre, bevor der nüchterne Friese wieder ohne Tränen über den Tag erzählen konnte, an dem die Pferde weggegangen waren... Erneut wurde die alte einheimische Rasse vom Untergang bedroht.
Im Jahre 1965 waren nur noch etwa 500 Stuten in die Register des Stammbuches eingetragen...

Auch damals erhoben sich wieder Friesen zum Läuten der Alarmglocke, weil ihr Friesenpferd auszusterben drohte. Mit aller Macht versuchte man, das heraufziehende Unheil abzuwenden. Wahrscheinlich hätten diese Versuche, wie warm auch, zu nichts geführt, wenn nicht gerade zu diesem Zeitpunkt ein sehr mächtiger Faktor dem Friesenpferd zu Hilfe gekommen wäre, nämlich der unaufhaltsame Einfluß einer sich bessernden Wirtschaft. Aufgrund der Zunahme der Möglichkeiten, Geld und Freizeit auf Erholung zu verwenden, bekam das Friesenpferd neue Chancen: Die Benutzung des Pferdes zu Erholungszwecken...

Aus einem Rückstand heraus gewann das Friesenpferd in etwa zwei Jahrzehnten sogar einen riesigen Vorsprung vor vielen anderen Rassen. Dabei war wieder der außerordentlich sanfte, intelligente und ehrliche Charakter des Friesenpferdes von ausschlaggebender Bedeutung.
Aufgrund dieses Charakters eignet sich das Pferd ausgezeichnet für Benutzung zu Erholungszwecken durch Menschen, die nicht von Hause aus Pferdeleute sind. In kurzer Zeit wurden die Möglichkeiten, erworbene Freizeit mit einem Friesenpferd auf angenehme und sportliche Weise zu verbringen, wiederentdeckt. In relativ sehr kurzer Zeit wurde erneut entdeckt, daß das Friesenpferd latent viele hervorragende Eigenschaften besaß, mit denen es dem modernen Menschen, der auf der Suche nach Erholung und Abenteuer war, zu Diensten stehen konnte. Möglichkeiten, die man erst verstehen kann, wenn man die Geschichte des Friesenpferdes kennt. Möglichkeiten, die bereits viele Jahrhunderte in den genetischen Potenzen verwurzelt waren...
Das Friesenpferd erwies sich zum Beispiel als ein idealer Partner zum Fahren in Gespannen jeder Art. Aber auch die Dressurmöglichkeiten wurden in kurzer Zeit wiederentdeckt. Da gab es kein Halten mehr:
Bekannte Viergespannreiter wie Leo Kraayenbrink und Tjeerd Veldstra nahmen mit ihren Viergespannen Friesenpferden an Vielseitigkeitsprüfungen auf Weltniveau teil, und Friesenpferde schnitten beim Dressurreiten immer besser ab.
Aber vor allen Dingen die Möglichkeiten des Friesenpferdes als Schaupferd wurden wiederentdeckt. Imponierend in den Schaufahrrubriken, aber auch im .... Zirkus. Nach dem Krieg zum ersten Mal im Zirkus Straßburger, aber heute gibt es fast keinen Zirkus mehr, der keine Show mit Friesenpferden hat.

Endlich durften die Friesenpferde wieder tanzen.....!

Die Zucht des Friesenpferdes

Die in kurzer Zeit angestiegene Nachfrage nach guten Friesenpferden brachte gleichzeitig in zuchttechnischer Hinsicht eine sehr große Gefahr mit sich. Wie könnte, bei einer solch riesigen Zunahme der Quantität, die Qualität des Friesenpferdes erhalten und lieber noch verbessert werden?

Zunächst sollte man das Problem der Inzucht bewältigen. Es war ja keine leichte Aufgabe, aus einem genetischen Bestand von etwa 500 Stuten und 10 Hengsten unter Beibehaltung der Fruchtbarkeit, Vitalität und Rassenmerkmale eine weltweite Population aufzubauen.
Heute können wir allerdings feststellen, daß dies dank einer strengen Stammbuchpolitik und der Mitwirkung der Züchter bei der Wahl des Hengstes gelungen ist. Dabei hat man nie auch nur kurze Zeit erwogen, zwecks einer schnellen Lösung dieses Problems fremdes Blut zu benutzen. Befürworter der Kreuzung mit fremdem Blut waren immer Menschen, die außerhalb Frieslands lebten, aber sie stießen jedesmal auf störrische und eigensinnige Friesen, die der Ansicht waren, daß ein Friesenpferd ein Friesenpferd bleiben sollte...

Inzwischen wurde mit unermüdlichem Fleiß ständig an der weiteren Verbesserung der Rasse innerhalb der eigenen Sorte gearbeitet, in der Absicht, ein vielseitiges Pferd zu züchten, das sich zum Fahren in Gespannen, aber auch für die Dressur, die Vielseitigkeitsprüfung, zum Schaufahren und vielleicht auch für Shows im Zirkus eignen sollte.
Daß in einer Zeitspanne von 25 Jahren soviele Fortschritte erzielt worden sind, ist selbstverständlich den vernünftigen Vorstandsmitgliedern zu verdanken, namentlich Inspektoren wie Cees Faber und nach ihm Hendrik Draaijer und Harm Mulder.
Vor allem soll aber dem Friesenpferd selbst und der uralten "noble tradition" von Züchtern und Liebhabern Ehre erwiesen werden, denen es gelungen ist, dasjenige in der DNA-Struktur des Friesenpferdes zu verankern, das jeder in einem Pferd sehen möchte: Adel, Kraft, Liebe und Hingabe.

Das Exterieur

Das Exterieur des Friesenpferdes hat sich durch die Jahrhunderte hindurch kaum geändert, obwohl die unterschiedlichen Episoden in ihrer Geschichte manchmal ganz unterschiedliche Anforderungen stellten.
Kennzeichnend sind einige Elemente, die sich nur schwer in Worte fassen lassen, aber alles mit Begriffen wie Adel, Erhabenheit und Stolz zu tun haben. Genau diese Merkmale möchte der Friese aufgrund seines Volkscharakters und seiner Geschichte in seinem Lieblingstier sehen, als wäre das leibhaftige Tier eine Widerspiegelung seiner Geschichte...
Ist es der majestätische Schwanenhals, das dunkle, freundliche Auge, oder sind es die langen, schwarzen Mähnen und der lange, gewellte schwarze Schwanz, die dem Tier ein aristokratisches Äußeres verleihen?
Wahrscheinlich ist es nicht ein einzelnes Element, sondern ist es das Ganze aller Elemente, das bei dem Menschen allerhand Assoziationen an Sachen aus ferner Vergangenheit erweckt, als Treue und Tugend noch ritterliche Eigenschaften waren...

Wenn wir den heutigen Inspektion des Königlichen Verbands "Das Friesische Pferdestammbuch" fragen, wie ein Friesenpferd aussehen müßte, sagt er gleich: "Schwarz!" Weiße Zeichnungen werden in der Zucht des Friesenpferdes als unerwünscht betrachtet, außer wenn es nur "einige weiße Haare vor dem Kopf" oder höchstens ein kleines Blümchen betrifft.
Schwarze Farbvarietäten sind möglich, wenn sie nur schwarz sind. Man sieht am liebsten die pechschwarze Farbe, aber sie ist selten. Die meisten Friesenpferde sind kohlrabenschwarz und manchmal auch braunschwarz oder sommerbraun, wenn die schwarze Farbe aufgrund der Einwirkung der Sonne und von Schweiß an einigen Stellen einen Stich ins Braune hat. Ein Friesenpferd mit irgendeiner weißen Zeichnung wird im Alter von drei Jahren nicht ins Stammbuch eingetragen.
Neben der schwarzen Farbe sind die Fülle der Mähnenspitze, der Kamm, der Schwanz und die "Fettlocke" an den Beinen wichtige Rassenmerkmale. Der Kopf darf nicht groß oder lang sein, das Auge muß hell und freundlich sein. Die Ohren am liebsten nicht zu groß und aufmerksam, und die Spitzen sollen ein wenig auf die Innenseite zeigen. Der Kopf muß adlig und ausdrucksvoll sein. Der Hals nicht zu tief aus der Brust, ausreichend lang und nicht zu schwer. Gemeinsam mit dem Genick hat er in der Oberlinie eine zierliche, erhabene Wölbung aufzuweisen, die "Haube", und dadurch den Eindruck des Halses eines Schwanes zu erwecken. Der Widerrist muß gut entwickelt sein und ausreichend in den Rücken verlaufen. Eine Widerristhöhe zwischen 1.58 und 1.65 m ist eine schöne Höhe für ein Friesenpferd. Die Schulter am liebsten lang und nicht steil. Der Rücken richtig muskulös und auch nicht zu lang, was manchmal vorkommt.
Der Übergang des Rückens über die Lenden zum Kreuz ist sehr wichtig. Er hat ausreichend kräftig zu sein, um die erzeugte Energie aus der Hinterhand auf die Vorhand zu übertragen. Das Kreuz muß ein wenig abschüssig und ausreichend lang sein. Die Beine sind von großer Bedeutung: Sie müssen in jeder Hinsicht korrekt und ausreichend hart und trocken sein.

In den letzten Jahren wird bei der Zucht des Friesenpferdes der Qualität der Bewegung große Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist zum Beispiel wichtig, daß ein Friesenpferd über einen guten Schritt verfügt, der raumgreifend und ausreichend geschmeidig sein muß.
Der Bewegungsapparat wird durch eine erhabene, raumgreifende Bewegung der Vorderbeine mit Schulterfreiheit und Knieaktion gekennzeichnet, die eine ausreichend kräftige, treibende und tragende Hinterhand ermöglicht. Der Trab muß vor allen Dingen raumgreifend sein.
Aufgrund des strengen Zuchtwahlprozesses hunderter Jahre sind auch diese Bewegungseigenschaften tief in der Vererbung der friesischen Pferderasse verwurzelt. Das gilt auch für den einmaligen Charakter des Friesenpferdes: lebhaft, intelligent, ehrlich und treu, immer bereit, zu arbeiten, und stolz wie die Friesen selbst...

Ein Wunder

Die letzte Phase der Geschichte des Friesenpferdes kann fast als ein Wunder bezeichnet werden:
In den meisten Staaten Westeuropas: in Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien und Irland, in Dänemark, Schweden, der Schweiz und Österreich, aber auch in den Vereinigten Staaten, Kanada, Südafrika, Australien und Japan, werden heute Friesenpferde gezüchtet.
Viele ausländische Liebhaber haben schon einmal die Hengstkörung in Leeuwarden besucht. Wer sie einmal besucht hat, ist meistens für den Rest seines Lebens mit dem "Friesenpferdevirus" angesteckt...
Während dieser Körung, die zwei Tage dauert, wird aus etwa hundert jungen Friesenhengsten eine Auswahl nach strengen Kriterien getroffen. Am Nachmittag des letzten Tages zeigen alle Friesenhengste sich, auch alle älteren Hengste, was immer in eine großartige Show ausartet, eine wahre Demonstration der Schönheit, Vitalität und Aristokratie von alters her. Etwa 8000 Menschen aus allen Teilen der Welt johlen und klatschen dann begeistert und sind zu Tränen gerührt. Da tanzen die Friesenpferde wieder!
Wenn es einmal soweit ist, ist die eigentliche Körung schon zu Ende. Für die Inhaber der Hengste sind es außerordentlich spannende Tage, denn sie wissen, daß das Zuchtziel des Friesenpferdes bis auf den Millimeter genau eingehalten wird.
Aufgrund der Auswahl nach strengen Kriterien werden nur die allerbesten Hengste auserwählt. Sie werden daraufhin während fünfzig Tagen am zentralen Prüfung intensiv geprüft. Die wenigen Pferde, die diese Prüfung bestehen, entsprechen den höchsten Anforderungen und werden als Zuchthengst eingetragen.
Das Bestehen als Zuchthengst ist allerdings erst endgültig gesichert, wenn sich nach 3 Jahren herausstellt, daß der Hengst seine hervorragenden Eigenschaften auch auf seine Nachkommen vererben kann.

Die Inspektoren und Juroren wurden nach strengen Kriterien ausgewählt und kennen die Blutlinien des Friesenpferdes wie kein anderer.
Jedes Jahr kören sie fast alle Friesenpferde in der ganzen Welt. Den Inhabern werden Ratschläge erteilt, das Zuchtziel wird erläutert, und sie geben an, wie man das Zuchtziel erreichen kann. Im ständigen Kampf um die Erhaltung eines einheitlichen Typs Friesenpferd sind sie von wesentlicher Bedeutung.

Der Königliche Verband "Das Friesische Pferdestammbuch", mit Sitz in Drachten in Friesland, 1879 gegründet, ist jetzt bereits über 125 Jahre für die Erhaltung dieser einmaligen Rasse zuständig.
Der Verband kann sich dabei auf eine "noble tradition" berufen, in der es gelungen ist, das Friesenpferd als imposantes, lebendiges Kulturerbe für heutige und künftige Generationen Pferdeliebhaber zu erhalten.
Die Erhaltung des Friesenpferdes ist heute allerdings nicht mehr nur den Friesen vorbehalten. Sie ist jetzt Aufgabe von Züchtern und Liebhabern in der ganzen Welt....
Wir werden den Menschen, die diese wunderschönen Tiere für uns erhalten haben, immer dankbar sein und haben jetzt gemeinsam die Verantwortung für die heutige und künftige Erhaltung des Friesenpferdes zu übernehmen.

Wir werden die "noble tradition" fortführen!